WESTWERK.

WESTWERK.

Admiralitätstr. 74

20459 Hamburg

Die Gruppenausstellung »No Lifeguard on Duty« beschäftigt sich mit der Spannung, welche zwischen Dualitäten liegt. Die Thematik des Konzepts der Abgrenzung wird von acht Londoner Künstlern anhand der Medien Malerei, Installation und Video bearbeitet.

Das klassische Bild des Rettungs-
schwimmers beschwört ein Gefühl von Sicherheit und Wohlbefinden, schafft eine Grenze und ein Regelwerk. Der Titel »No Lifeguard on Duty« impliziert somit umgehend ein gegenteiliges Gefühl, deutet mögliche Gefahren und Unordnung an. Hier entsteht eine wechselseitige Zuordnung. Die Abwesenheit eines Rettungsschwimmers lässt bereits aufgezeigte Begrenzungen verschwimmen und drängt den beschränkten Bereich in ein graues Territorium: Sicherheit mag verloren gehen, jedoch wird im Gegenzug eine gewisse Freiheit gewonnen. Die Ausstellung behandelt diese Konturen der Demarkation, welche trennen, sowie die daraus entstehende Unbestimmtheit und Ungewissheit, die der Raum innerhalb dieser Konturen manifestiert.

Olivia Hernaïz beispielsweise bezieht sich auf die krasse Trennung zwischen politischen Parteien. Sie behandelt diese Trennung auf spielerische Art und Weise, indem sie halb kindliche Fragen an Führungspersonen prominenter politischer Parteien stellt. Ihre farbenfrohen Kissen und ihre (scheinbar) fröhliche Annäherung widersprechen der Aggressivität des aktuellen politischen Klimas.

Pauline Batistas Arbeit hinterfragt den Unterschied zwischen Realität und Mythos, oder besser gesagt, den Unterschied zwischen Wissenschaft und Intuition, und stellt dem Betrachter die Frage, welche dieser beiden Bereiche in der Reflexion gegenüber der menschlichen Existenz gültiger erscheinen mag. Batista benutzt Ölfarbe um Schichten auf einer gläsernen Oberfläche zu erzeugen. Durch dieses Glas projiziert die Künstlerin Filmszenen aus »Apocalypse Now«, um ein mit Nachdruck verschwommenes, abgestumpftes Bild von Gewalt zu schaffen.

Um mit dieser Konzentration auf die menschliche Natur fortzufahren, wäre nun Andrea Williamsons Arbeit zu beschreiben. Die Künstlerin bedient sich der Celebrity- und Popkultur um Gefühle von Empathie und Zuneigung zu erzeugen. Drei ikonenhafte Frauen, Lindsay Lohan, Oprah Winfrey and Pema Chodron, wurden von der Künstlerin umgewandelt, um Beziehungen von Fürsorge und Mitgefühl zwischen ihnen auszudrücken. Dadurch wird unser, oftmals stereotype und mit Vorurteilen behaftete Blick ersetzt. Williamsons Bemühen liegt in der Umkehrung von Sensibilität; nicht um den Betrachter zu verführen, sondern um eine harmonische, hybride Einheit zu schaffen, mit der Absicht »die positiven Einflüsse von Liebe und Spiritualität von scheinbarer Oberflächlichkeit zu befreien«.

Theresa Volpps Malereien sind das Produkt von körperlichem Engagement. Haushaltsfarben werden über die Leinwand gegossen. Die Bewegung der Leinwand durch die Künstlerin führt dann zu einem Ineinanderfließen der Farben. Auf die Entstehung der Oberfläche der Malerei wird somit nicht mehr direkt eingewirkt, diese bildet sich vielmehr indirekt durch die Gesamtbewegung der Fläche und der Farbspiegel, die dieser Bewegung Folge leisten. Die Künstlerin erzeugt einen Kontrollverlust, der sich in der Negation der eigenen Handschrift offenbart und die Fragestellung impliziert, wo die Grenzen zwischen Künstlersubjekt und Objekt verlaufen.Während die visuelle Unterscheidung der Farben offensichtlich erscheint, verbleibt im Entstehungsprozess eine Gegensätzlichkeit von bewusster Körperbewegung und spontaner Interaktion.

In ähnlicher Art und Weise zu Volpps Verschmelzung von Formen, schafft James Clarke eine Überlappung von Bildsprachen in seiner Arbeit Torus (London–Hamburg). Beeinflusst von der klassischen Handarbeit englischer Kartografen des Zweiten Weltkriegs in Hughenden Manor, verwendet Clarke eine Karte von Hamburg als Ausgangspunkt für seine scheinbar repetitiven Strukturen. Die vier Malereien erfüllen den Betrachter mit dem Gefühl, sich zwischen Grenzen zu bewegen, während sie außerdem als eine Art Einverständnis hinsichtlich der beiden Geschichtsverläufe dienen: der Londons, der Heimatstadt des Künstlers, wie auch der Hamburgs.

Frederic Klein untersucht die Auswirkungen der natürlichen Umwelt auf das Individuum, indem er seine Erfahrungen, der von ihm erkundeten wilden (und oft bedrohlichen) Landschaften auf der Leinwand wiedergibt. Klein isoliert sich selbst regelmäßig in der Wildnis, häufig für einige Tage. Damit erlaubt er den extremen Bedingungen seiner Wagnisse als Katalysator für seine Arbeit zu dienen. Der Künstler verwendet »Untertitel« in seinen Malereien, welche eine existierende Distanz zwischen dem Künstler und dem Betrachter implizieren, und somit eine Übersetzung erfordern.

Ähnlich wird die Auffassung von Distanz in der Videoarbeit von Francis Almendárez wahrgenommen. Der Künstler erforscht die räumliche Verlagerung im Zusammenhang mit der deterritorialisierten Postmoderne. Er sucht die Wahrheit unter denjenigen, die von dem Geschichtsverlauf mit Füßen getreten wurden: Flüchtlinge, die in Lager getrieben, und Frauen, die von der brutalen patriarchalen Gesellschaft schikaniert wurden, sowie indigene Völker, die verlagert und ihrer Identität beraubt wurden – mit anderen Worten: den Überlebenden.

In ihrer sechsteiligen Malereiserie »Où est le bec?« zeigt Ingrid Berthon-Moine stark vereinfachte Figuren des männlichen Körpers, jede in einem anderen Zustand sexueller Erregung. Obgleich alle in verschiedenen Höhen hängen, sind die Arbeiten entlang der Spitzen der erigierten Penisse ausgerichtet. Der Titel entspricht der phonetischen Aussprache des Nachnamens von Michel Houellebecq, eines französischen Autors, dessen Charaktere oft ermüdet und hoffnungslos sind. Für Berthon-Moine weisen diese auf die größeren Auswirkungen des Kapitalismus hin: Letztendlich ruft unser Individualismus und Liberalismus eine innere Spannung hervor. Eine Spannung zwischen dem Frönen unendlicher Befriedigung oder etwa der zunehmenden Erschöpfung durch stetiges Begehren.

Tony Tremlett und Caroline Elbaor

No Lifeguard on Duty” is a group exhibition focusing on the tension that lies between binaries. Exploring the concept of demarcation (and alternatively, what might or might not occur in its absence), the project invites eight London-based artists to engage with this theme through painting, installation, and video works.

The traditional image of the lifeguard conjures a sense of safety and well-being, and creates a boundary and set of rules. Therefore, the phrase “No Lifeguard on Duty” immediately connotes the opposite, suggesting possible danger or disorder. Here, a duality is established. The absence of a lifeguard blurs otherwise delineated borders and pushes the realm of limitations into a grey territory: safety may be lost, but a certain freedom is gained. The exhibition pays attention to the lines of demarcation – that which separate – and the indefiniteness and incertitude that the space between these lines manifest.

For example, Olivia Hernaïz addresses the stark divide between political parties, doing so in a playful manner by posing semi-childlike questions to leaders of different prominent parties. Her colorful cushions and (what appears to be a) light-hearted approach counter the heavy-handedness of the current political climate.

Pauline Batista’s work questions the difference between reality and myth, or rather, science and intuition and asks the viewer which might be more valid in reflecting upon the human condition. Taking oil and paint to create layers on a glass surface, Batista then projects scenes from the film Apocalypse Now through the glass to ultimately create a blurry, numbed image of violence.

Continuing in this meditation on human nature, Andrea Williamson uses celebrity and pop culture to evoke feelings of empathy and affection. Three iconic women – Lindsay Lohan, Oprah Winfrey, and Pema Chodron – have been morphed by the artist to express relations of care and compassion between them, replacing the stereotypical and judgemental gaze that we so often give. Williamson’s endeavour is a reversal of sensibility; not to seduce the viewer but to create a harmonious hybrid entity intended to ‘rescue the positive affections of love and spirituality from the seemingly superficial.’

Theresa Volpp’s paintings are the product of physical engagement. Glossy paints are poured over canvases that lay on the floor before Volpp shakes them to combine colors. In this way there is no direct effect on the emergence of the surface. The artist produces a loss of control, that reveals itself in the negation of the artists own signature. The implication is an interrogation of boundaries running between the artist’s subject and the object. While visually, the differentiation between colors is fairly evident, an alternative dichotomy is at work-between intentional bodily movements and spontaneity.

In a similar vein to Volpp’s merging of forms, James Clarke creates an overlap of imagery in his work, Torus (London–Hamburg). Influenced by the original handiwork of English World War II mapmakers at Hughenden Manor, Clarke employed their map of Hamburg as a springboard for his seemingly repetitive patterns. Together, these four paintings imbue one with a feeling of movement between borders whilst also serving as a nod to the histories of both London – the artist’s homebase – and Hamburg.

Frederic Klein examines the impact of the natural world upon the individual, rendering his experiences of exploring rugged (and often threatening) landscapes to the canvas. Klein routinely isolates himself in the wilderness, oftentimes for a number of days, allowing for the extreme conditions of his ventures act as a catalyst for his practice. The artist utilizes “subtitles” in his paintings, thus implying a distance exists between the artist and viewer that requires translation.

Similarly, the notion of distance is noticed in the video work of Francis Almendárez. The artist explores spatial dislocation in the context of deterritorialized post-modernity. He seeks the truth among those trampled underfoot by history: refugees herded into camps, women victimized by a brutal patriarchal society, indigenous people relocated and stripped of their identity – in other words, the survivors.

In her series of six paintings, titled “Où est le bec?”, Ingrid Berthon-Moine displays six simplistic figures of the male body, each in a different state of sexual arousement. Though all hang at different heights, the works are aligned along the tips of the erect penises. The title is the phonetic pronunciation of the surname of French novelist Michel Houellebecq, whose characters are regularly fatigued and hopeless. For Berthon-Moine, this depression points to the greater repercussions of capitalism: eventually, our individualism and liberalism provoke an internal tension between indulging limitless gratification, or perhaps, growing weary of constant desire.

Tony Tremlett and Caroline Elbaor

Eröffnung: Donnerstag, 31. März 2016, 19 Uhr

No Lifeguard on Duty

Curated by Caroline Elbaor and Tony Tremlett

 

Musikalische Begleitung
zur Eröffnung:

Martin Moritz (Sutsche)