WESTWERK.

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»Jeder Satz spricht: Deute mich, und keiner will es dulden«, schreibt Theodor W. Adorno in seinen Aufzeichnungen zu Kafka. Dieser Lektürebedingung können wir nicht aus dem Weg gehen, wenn wir versuchen, Franz Kafka zu lesen. Stellen wir uns ihr also.

 

Franz Kaltenbecks Text »Kafkas Folter« analysiert etwas von dem, was sich »das pathologische Gesicht des Gesetzes« nennen lässt. Er schreibt davon sowohl in Bezug auf Kafkas Erzählung »In der Strafkolonie« als auch auf Kafkas Briefwechsel mit Felice Bauer und Milena Jesenská. Denn der Raum der Gesetze und der des Rechts sind – hier bezieht sich Franz Kaltenbeck auf Jacques Lacan – mit dem der Liebe verknüpft.

Die Liebe und die Beziehung zwischen den Geschlechtern, die für Franz Kafka auch Qual ist, ist dies wegen seines Kampfes um sein Schreiben. Dieses ihm immer wieder mögliche und auch unmögliche Schreiben ist aber mit seinem Schreiben von Briefen verknüpft. Sein über siebenhundert Seiten umfassender Briefwechsel mit Felice Bauer zeugt davon. Diese zum großen Teil aus Briefen bestehende Begegnung scheitert – nach Franz Kaltenbeck »am Problem der Gebundenheit«, welches die Liebe mit dem Schreiben von Briefen schicksalhaft verknüpft.

Erst in den »Briefen an Milena« schreibt Franz Kafka seine Anklage gegen das Medium Brief. Franz Kaltenbeck führt in seinem Text nun die Lektüre des Zerfalls der Gesetze in der

»Strafkolonie« und die Verurteilung des Briefes in den »Briefen an Milena« in einem verblüffenden Zug parallel. Ein ungelöster Rest dieses Problems, das Dilemma einer Geschlechterbeziehung »jenseits der Briefe« bleibt: Wie lässt sich eine sexuelle Beziehung zwischen den Geschlechtern jenseits der Schrift definieren, fixieren?

Kafkas Qual – und Folter – bezieht sich in seinem Kampf für sein Schreiben darauf, im Schreiben »über die Briefe hinaus … kommen« zu wollen. Franz Kaltenbeck kommentiert das Ergebnis dieses Kampfes so: »Er wird keine andere, neue Sprache erfinden, aber etwas, das über die Sprache hinausgeht: ein bildliches, kein abbildendes Schreiben, ein aufwühlendes, kein adressiertes Schreiben, ein Schreiben von Gesten, Aphorismen, Rätseln, Paradoxen, Entlarvungen, statt ein Schreiben von Zeichen, Lehren, Weisheiten, Geboten.«

Und eine Lektüre von Kafkas Schriften betreffend: »Kafka nahm die Sprache voll in Anspruch, um eine unvergleichliche Welt zu schaffen, in der es keine Sicherheit gibt, und die dennoch jeden trifft. Auch im Unbewussten gibt es keine Sicherheit. Der Unterschied zwischen Kafkas Welt und dem Unbewussten besteht aber darin, dass dieses sich deuten lässt und das Begehren des Subjekts manchmal sogar deutet … Kafkas Leser muss also seine Konsequenz aus der Ratlosigkeit ziehen, in welche ihn sein Text stürzt.« Eckhard Rhodes Text »Gewalttätigkeiten mit Diskursen« oder »Gewalt der

Diskurse« untersucht – anhand eines »close reading« von Franz Kafkas erstem Roman »Der Verschollene«, insbesondere dem fünften und sechsten Kapitel, den Unterschied zwischen »Gewalttätigkeit mit Sprache« und »Gewalt der Sprache«.

Während »Gewalttätigkeiten mit Sprache« ein Sprachhandeln beschreibt, dass Beleidigungen, Beschimpfungen, Schmähungen, vorsätzlich ungerechtes Aburteilen, willkürliche Tribunale usf. umfassen und ein dieser Form von Gewalttätigkeit unterworfenes Subjekt dauerhaft verletzen und ihm schaden kann, ist »Gewalt der Sprache« als solche etwas, das der Sprache selbst schon eingeschrieben ist, zum Beispiel in dem Fall, wenn einem als noch namenlosen Subjekt Vor- und Nachnamen oder Titel verliehen werden.

Von beiden Formen von Sprachgewalt schreibt Kafkas durchgehend auch politischer Text, und einige Züge dieser Formen von Sprachgewalt versucht Rhodes Text darin zu benennen.

Lesung | Freitag | 22. April 2016 | 20 Uhr

Franz Kaltenbeck und Eckhard Rhode lesen Franz Kafka

Franz Kaltenbeck und Eckhard Rhode

Foto: Dodo Schielein